Monatswort

Foto: Direktor Pfarrer Matthias Fiedler
Direktor Pfarrer Matthias Fiedler

Februar 2012

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die Anderen.
1. Korintherbrief 10,23-24 

Liebe Leser des Monatswortes,

Als mich neulich ein Radfahrer auf dem Bürgersteig fast umgefahren hat, reagierte er auf mein Schimpfen mit den Worten: „Das machen doch jetzt alle, dann ist es auch erlaubt!“. Nein, ist es nicht. Dadurch, dass viele Menschen etwas falsch machen, wird es nicht richtig. Es ist im Leben aber auch nicht so einfach. Was waren wir doch in der DDR an sehr strenge Regeln gewöhnt. Als mein damals 6-jähriger Sohn von seiner Lehrerin mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig erwischt wurde, kam die Gute extra zu einem Gespräch zu uns nach Hause, heute fährt sie selbst auf dem Gehweg. Das ist auch in anderen Bereichen des Lebens so. Und man merkt, dass die Menschen meinen, es ist ihre Freiheit, zu machen, was sie wollen. Das Problem, was der Paulus den Christen in Korinth erklären will, ist uns ganz fremd, damit haben wir gar nichts mehr zu tun. Diese neue Religion war ja aus dem Judentum entstanden, und es gab die Frage: Muss ich die alten Regeln, was das Essen und den Sabbat betrifft, immer noch einhalten? Und dann war man ja umgeben von heidnischen Menschen. Darf man bei diesen heidnischen Dingen teilnehmen und zum Beispiel von dem Fleisch essen, das den Götzen geopfert worden war? Paulus klingt sehr modern und fortschrittlich: Alles ist erlaubt! Er meint damit, diese Dinge gehören nicht zu unserer christlichen Religion, sie sind sozusagen unschädlich. Man kann, wenn man will, aber man muss nicht. Es wäre ja schlimm, wenn die Regeln menschlichen Zusammenlebens so aussähen: Macht doch, was ihr wollt, alles ist erlaubt! O weh, was wäre dann los! Die Starken würden noch mehr die Ellenbogen ausfahren und die Schwachen fielen ganz hinten herunter. Aber so schreibt es Paulus ja nicht. Er sagt schon: „Alles ist erlaubt.“ Aber er sagt auch: „Aber nicht alles nützt!“ und „Nicht alles baut auf!“. Menschen sind schnell dabei, Freiheit mit Rücksichtslosigkeit zu verwechseln. Und da gibt es für Christen ein eindeutiges „Halt!“. Das Vorbild, was Jesus uns gegeben hat, heißt: Alles muss den Menschen nützen und sie aufbauen. Es geht ja auch gar nicht, dass man blind durchs Leben geht und rücksichtslos nur darauf bedacht, was einem selber nützt. Wir leben immer mit Menschen zusammen und wir brauchen diese Menschen. Die wirklichen Währungen beim Zusammenleben mit Menschen heißen: Freundlichkeit, Rücksicht, Nachsicht, Liebe. Wir Christen sind manchmal in der Gefahr, dass die Menschen meinen, wir kümmern uns nur um unsere Religion, wir achten nur auf die alten Sitten und sind für die Moral zuständig. Nein, das sind alle Menschen, davon ist keiner ausgenommen. Es ist nur so, dass die Menschen uns eben besonders auf die Finger und den Mund schauen. Sie meinen, wir müssten doch anders sein. Und damit haben sie Recht. Das ist der Auftrag, den Jesus uns gegeben hat. Wenn wir tatsächlich den Nutzen der Menschen und das Aufbauen von Leben und Lebensfreude im Blick haben, dann fallen ein paar Sachen von allein weg. Sie sind zwar erlaubt, wie Paulus schreibt, aber es bringt nichts. An dieser Stelle können wir uns mal ruhig sagen, was für eine wunderbare Religion wir haben, wir sind eben nicht voller Zwänge und in ständiger Angst, etwas erledigen zu müssen. Alles was zu erledigen war, hat Jesus längt für uns getan. Wir brauchen eigentlich nur noch normal zu sein. Und normal ist, wenn man den Menschen neben sich leben lässt und nicht auf dem Bürgersteig mit dem Fahrrad anfährt.



Mit guten Wünschen aus Potsdam

Ihr Matthias Fiedler
Theologischer Vorstand

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