Chronik
Zur Geschichte des Evangelischen Seniorenzentrums „Bethesda“ Teltow
1. Zum Namen
Im Johannes - Evangelium 5, 1 – 9 heilt Jesus einen Gelähmten.
Danach ging Jesus zu einem der jüdischen Feste nach Jerusalem hinauf. Innerhalb der Stadtmauern, in der Nähe des Schaftores, befindet sich ein Teich mit fünf Säulenhallen, der auf hebräisch „Bethesda“ genannt wird. Scharen von kranken Menschen, Blinde, Gelähmte oder Verkrüppelte lagen in den Hallen. Einer der Männer, die dort lagen war seit 38 Jahren krank. Als Jesus ihn sah und erfuhr, wie lange er schon krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Herr, ich kann nicht, sagte der Kranke, denn ich habe Niemanden der mich in den Teich trägt wenn sich das Wasser bewegt. Während ich noch versuche hinzugelangen, steigt immer schon ein anderer vor mir hinein. Jesus sagt zu ihm: Steh auf, nimm deine Matte und geh. Im selben Augenblick war der Mann geheilt. Er rollte die Matte zusammen und begann herumzugehen.
Neben dem Heilungswunder durch Jesus geht es hier auch um das Selbstwertgefühl dieses Menschen. In Berlin, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, gab es eine immer größere Zahl an sozial ausgegrenzten Armen, oft auch Alten und von Krankheit Betroffenen, die hoffnungslos dahinlebten.
Von evangelischer Seite wurde in der Nachfolge Jesu versucht, helfend und lindernd einzugreifen.
2. Vom Siechenheim zum Altenheim „Bethesda“
1854 macht sich ein evangelischer Frauenverein für die Gründung eines Siechenhauses für Frauen stark.
1855 wird ein Haus in der heutigen Motzstraße erworben. Durch das Wohlwollen des Königs Friedrichs Wilhelm IV. werden dem Verein am 22.12.1855 die Rechte einer moralischen Person verliehen. In der damaligen Satzung der Stiftes „Bethesda“ ist zu lesen: Das Siechenhaus hat den Zweck Armen, Verlassenen, Unheilbaren oder an chronischen Übeln Leidenden, zunächst weiblichen Kranke hiesiger Stadt die nötige leibliche und geistige Pflege zu gewähren. Die Aufnahme geschieht, sobald es die Mittel erlauben. In einzelnen, besonders dringenden Fällen unentgeltlich, sonst gegen ein angemessenes Pflegegeld. Die Aufnahme geschieht ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses. Bedingung ist aber, dass Frauen mit Epilepsie, Geisteskrankheiten, Syphilis und anderen ansteckenden Krankheiten nicht aufgenommen werden.
Die Pflege übernehmen Diakonissen aus dem Diakonissen-Mutterhaus Bethanien. Die Großstadt Berlin rückt immer näher heran, aus diesem Grund ist es nötig, dass 1867 am Schifffahrtskanal in Plötzensee ein neues Haus erworben wird, in dem zuletzt 150 Sieche aufgenommen werden konnten.
In einer Festschrift von 1928 heißt es: doch auch hier hatte Bethesda keine bleibende Stätte gefunden. Umklammert vom Lärm und Rauch des Großkraftwerkes des Westhafens und des Schifffahrtskanals wurden die Zustände insbesondere in gesundheitlicher Hinsicht unhaltbar.
Nach dem ersten Weltkrieg wird versucht, dass wertvolle Grundstück am Westhafen zu veräußern, um mit dem Erlös ein neues Heim außerhalb der Großstadt errichten zu können. 1928 kann nach einigen vergeblichen Versuchen Einigung mit der Stadt Berlin über den Verkauf des Grundstücks am Westhafen erzielt werden. Mit rund 1 Mill. Mark stehen nun finanzielle Mittel für den Ankauf des neuen Grundstücks von 26 300 qm in Teltow zwischen der Stadt und dem Bahnhof Teltow zur Verfügung. Das Grundstück ist durch den Bahnhof und die Straßenbahn gut an die Großstadt angebunden. Ideal ist die hohe, freie und sonnige Lage.
Die Architekten Jürgen Bachmann und Julius Funk werden beauftragt das Haus zu projektieren. Auf Vorschlag der damaligen Leiterin von Bethesda, Schwester Elisabeth Matthis, wird Julius Funk in den Stiftungsvorstand aufgenommen.
3. Zur Baugeschichte
Zum Bauentwurf: Das Hauptgebäude besteht aus drei kubischen Baukörpern, drei Obergeschossen und einem Untergeschoss in „zwangloser SV“ zwischen der Straße und dem Waldstück. Der straßenseitige Flügel mit dem Anbau der Kapelle nach Osten und Pfeilervorbau des Haupteingangs mit Pförtnerhaus zur Straße hin, einem Zwischentrakt und dem rückwärtigen großen Flügel, der sich an das Wäldchen anlehnt. Durch diese Form wird es möglich, fast alle Wohnräume an die Sonnenseite zu legen. Die glatte, schmucklose Klinkerfassade, die flachen Dächer, beschreiben die neue Sachlichkeit.
Damit auch die Zimmer in der Nordausrichtung genügend Licht erhalten, werden dort Windlichten gleichsam, rechteckig vorspringende Fensterachsen zur seitlichen Beleuchtung errichtet.
Das Haus ist ausgerichtet für 200 Pflegefälle. Auf 10 Stationen sind jeweils drei Stationen mit Einzelzimmern bzw. Zweibettzimmern und vier Stationen mit Vierbettzimmern. Zu jeder Station gehört eine Toilette, ein Bad, ein Stationsschwesternzimmer und eine Teeküche. Im Haus sind außerdem Wohnräume für 10 Schwestern und 20 Mädchen, die Wohnung der Oberin, große Tagungsräume, eine überdachte Liegehalle, ein Zusammenkunftsraum für die Schwestern und ein Saal für Anstaltsfeiern eingerichtet.
In der Baubeschreibung werden auch ein Essraum für Schwestern und Mädchen, Leinen- und Nähzimmer, eine Apotheke sowie Büroräume benannt. Im Untergeschoss befinden sich die Küche, Heizungsräume, die Wasserversorgung und die Wohnung des Heizers. Das Haus hat zwei Treppenhäuser, einen Speiseaufzug und einen Personenaufzug.
Abgetrennt durch den Wirtschaftshof sind im Westen die Wirtschaftsgebäude errichtet. Zur Einrichtung gehört eine eigene Landwirtschaft, ein Kuhstall mit 20 Kühen, Hühnern, Gänsen und Enten. Im Gebäude sind zwei Wohnungen für den Gärtner und Schweitzer sowie Garagen für zwei Kraftwagen und Schlafräume für vier Ledige untergebracht. Ein großer Grundstückskeil wird als Obst- und Gemüsegarten genutzt.
Die Grundsteinlegung findet am 16. Juni 1928 unter Teilnahme des Teltower Bürgermeisters, des Ortspfarrers von Teltow, des Pastors von Bethanien Berlin und der Oberin des Diakonissen-Mutterhauses Teltow statt.
Die Bauausführung übernimmt die Teltower Baufirma Kuthe. Der für den 01. Juli 1929 geplante Umzug aus dem bereits verkauften Berliner Haus verzögert sich für drei Monate durch einen sehr kalten Winter. Die Baukosten erhöhen sich dadurch von 1 Mill. auf 1,2 Mill. Mark. Eine Hypothek wird aufgenommen. Am 09. September 1929 ist der Bau schließlich fertig. Am 16./17. September erfolgt der Umzug ohne größere Störungen. Die feierliche Einweihung findet am 13. Oktober 1929 statt. Der Name wird von Siechenheim auf Altersheim „Bethesda“ geändert.
Bei der Bauabnahme gibt es erhebliche Probleme. Der Kreis Teltow hat andere Bauvorschriften, als die von Architekt Jürgen Wachmann vorgesehen Berliner Bauvorschriften. Die Baupolizei fordert ein drittes Treppenhaus und sperrt 14 Zimmer, die nach den Teltower Bestimmungen zu weit von einem der beiden Treppenhäuser entfernt liegen. Nach langwierigen Verhandlungen können die Zimmer genutzt werden, aber die Einnahmen aus den zurückliegenden verlorenen Monaten fehlen. Der Vorstand beschließt, nicht das volle Architektenhonorar in Höhe von 102 654 Mark zu zahlen. Vorstandsmitglied Julius Huck vermittelt letztlich eine Senkung des Honorars um 1 000 Mark.
Im Dezember 1931 gibt es erneut Ärger mit dem Architekten Julius Huck. Der neue Vorstandsvorsitzende Dr. Konce, der zugleich auch Vorsitzender des Evangelischen Bundes ist, stellt fest, dass Julius Huck katholisch sei. Dies wird nicht gern gesehen. Huck verzichtet bei der nächsten Wahl auf seine Kandidatur und wird nur als Berater tätig.
1934 treten erneute Probleme auf. Beim Bau des Hauses hatte die Stadt Teltow zugesagt, eine Kanalisation anzulegen. Daraufhin wurden zunächst nur provisorische Sickergruben geschaffen. Bethesda einigt sich mit der Stadt zur Zahlung eines zinslosen Darlehens in Höhe von 7 500 Reichsmark und des Anliegerbeitrags in Höhe von 7 500 Reichsmark.
1937 treten erneut finanzielle Probleme auf. Bethesda wird zur Vermögenssteuer veranlagt in Höhe von 2 330 Reichsmark. In einem Klagebrief an den Reichsfinanzminister heißt es: „Jede kommunale und staatliche Behörde in und um Berlin muss über die Anstalt und im Ringen um die Existenz zum Besten der Ärmsten unter den Armen unterrichtet sein. Und nun wird sie plötzlich von der Finanzbehörde als Geschäftsbetrieb mit einer Steuer herangezogen. Ein völlig unverständliches Verfahren, es sei denn, was ich nicht glauben will und kann, man wolle eine evangelische Anstalt ruinieren“.
Wie dieser Streit ausgegangen ist, ist nicht bekannt.
4. Zur Kapelle im Altenheim „Bethesda“
Im Jahresbericht 1926-1928 heißt es: „Welch großen Wert die Hausgottesdienste haben, bedarf keines Wortes. Die Geschichte ist dafür Zeuge. Es kommt im Wesentlichen darauf an, dass der gottesdienstliche Raum in seiner würdigen Ausschmückung auf die Gemeinde der Leidenden und Elenden einen freundlichen und erhebenden Eindruck macht.
Nach dem Umzug 1929 nach Teltow ist es für Domprediger Kritzinger nicht mehr möglich, die Gottesdienste zu halten. Siedlungspfarrer Zippel wird Hausgeistlicher unterstützt von einer Vikarin, mit der er sich bei den Wochentagsgottesdiensten und Bibelstunden abwechselt. Normale Sonntagsgottesdienste werden weiterhin von Domkandidaten gehalten. In der Kapelle von Bethesda wird alle 14 Tage der Gottesdienst der Kirchengemeinde veranstaltet. Im Winter hat sie dafür die Heizkosten zu zahlen. Für alle die zu den Gottesdiensten nicht in die Kapelle kommen können, gibt es im Haus eine Übertragungsanlage.
Zur Kapellenarchitektur:
Der Architekt, Jürgen Bachmann, 1872-1951, wird als bedeutender Architekt und Kirchenbauspezialist angesehen. Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Architekten Peter Jürgensen zählen sie zu den Erneuerern des norddeutschen evangelischen Kirchenbaus. Sie haben die Kirche zur frohen Botschaft in Karlshorst, die Kapelle in Hessen-Winkel bei Köpenick, die Tabor-Kirche in Berlin-Wilhelmshagen sowie die Markus-Kirche in Steglitz gebaut. Die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem, die 1930/1931 gebaut wird ist sehr stark angelehnt an die Kapelle im „Bethesda“ Teltow. Sie entspricht der „neuen Sachlichkeit“ mit expressionistischen Anklängen: kubischer Bau, glatte ungegliederte Klinkerfassade, hochrechteckige enggestellte Fensterbahnen, innen stufig einspringender Altarraum mit fensterloser Altarwand. Die Kapelle in „Bethesda“ Teltow scheint ein kleiner Musterbau für die spätere Jesus-Christus-Kirche zu sein: Wir finden hier den einspringenden Altarraum, mit fensterloser Altarwand, einer einfachen horizontal holzverkleideten Decke. Die Kapelle hat 170 Sitzplätzen und reichlich Platz für die Aufstellung von Krankenwagen- und Stühlen. Die Orgelempore, traditionell in der Anlage über dem Eingang, modern in der Form, rechtwinklich, mit Holzstützen bis zur Decke. Zeittypisch ist die „amphitheatralische“ Absenkung des Fußbodens zum Altar hin. Auch die Anlage einer Krypta unter der Kapelle, von der aus Särge durch eine Hebebühne vor den Altar befördert werden konnten, ist erwähnens wert.. So waren Trauerfeiern in der Kapelle möglich. Die Ausrichtung des Raumes auf einen Kanzelaltar, der nicht vom Kirchenschiff aus direkt begangen werden kann, sorgt für eine Trennung des Predigers von der normalen Gottesdienstgemeinde (von den Leidenden und den Elenden). Zugleich ist er von dort gut sichtbar und hörbar. Die Kapelle soll mit einem Lesepult mit Adlerfigur ausgestattet gewesen sein. Durch Stiftungen der beiden Architekten kann eine Glocke mit einem kleinen Turm angeschafft werden. Die Altarbibel mit goldenen Schließen wird zur Einweihung von den Bethesda-Schwestern gestiftet. Die Orgel ist ein Werk der Firma Steinmeyer aus Oettingen (Bayrisch-Schwaben), die durch Sammlungen bei der Grundsteinlegung finanziert wird. Für den Marmoraltar und die Kanzel mit Bronzeleuchtern und Teppich stand Geld aus dem „Liebesgabenfonds“ der amerikanischen Freunde des Hauses bereit.
Im Verwaltungsbericht 1926/1928 wird von der Fenstergestaltung berichtet:
Eine besondere Zierde würde es sein, wenn die Fenster der Kapelle schön gestaltet werden könnten. Die Original-Verglasung übernimmt die Firma Puhl & Wagner, Kosten 5 180 Mark.
Überhaupt nicht zu dem sonstigen Stil der Kapelle passt das riesige Kruzifix an der Altarwand. Es ist eine konservative Schnitzarbeit. Der Ursprung ist ungewiss, vielleicht stammt es aus der alten Kapelle, aus der eigentlich auch der Altar übernommen werden sollte.

